Von Agentinnen, Lektorinnen und Verlegern

Eine Agentin rief mich an. Literaturagentin: Ihr sei da dieser Text zugespielt worden … ganz großartiger Text. Ob ich noch mehr davon hätte? Und überhaupt: Was ich noch hätte? Oh, Romane auch? Ich solle mal schicken. Ich schickte. Einen Roman. Die Agentin rief an: Ja, der Roman sei großartig … ob wir uns treffen könnten? Unbedingt.

Wir trafen uns in einem Café. Das macht man wohl so mit Agenten: trifft sich im Café. Undercover. Ja, der Roman sei wunderbar, ich solle ihn unbedingt fertig schreiben. – Aber er ist fertig. – Nein, er ist nicht fertig, sagte die Agentin. Er ist wunderbar so weit, aber noch nicht fertig. Zu karg, zu knapp, zu kurz. Wie ein Skelett, an dem das Fleisch fehlt. Haut und Knochen … das ist noch zu mager … zu wenig. Ich solle die Geschichte noch ein wenig andicken. Dann hätte das auch gute Chancen, sich zu verkaufen. Ein toller Coming-of-age-Roman sei zur Zeit sehr gefragt, sagt die Agentin: Coming-of-age. Das habe sehr gute Chancen.

Ich freute mich über ihr positives Urteil, und auch, dass ich endlich wusste, welcher Gattung mein Roman zuzuschlagen wäre: Coming-of-age. Zukünftig würde ich nicht mehr verlegen dastehen müssen, wenn mich jemand fragte: Was schreiben Sie denn so? Worum geht’s denn da? Selbstbewusst würde ich verkünden: Coming-of-age … ich mache Coming-of-age-Literatur. Schick. Modern. Interessant. Das ist es.

Derart ermutigt und beflügelt, nahm ich mir das Skript noch einmal vor: ergänzte, erweiterte, unterfütterte … fügte weitere Kapitel hinzu … packte Fleisch auf die Knochen, wie die Agentin das nennen würde, schickte es ihr. Und noch ein paar weitere Texte, um die sie gebeten hatte.
– Haben Sie denn noch mehr? Ja, schicken sie mir alles.
Ich schickte: Weitere Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Fragmente.

Ich hörte lange nichts mehr von der Agentin. Dann, dass sie krank gewesen sei, sich nicht um die Dinge habe kümmern können, und dass sie jetzt nur noch ausländische Lizenzen an deutsche Verlage vermittle, und keine deutsche Belletristik mehr. Dass es ihr leid täte um meine Sachen, aber ich würde auch ohne sie bestimmt bald einen ordentlichen Verlag dafür finden. Da sei sie ganz sicher.

Eine Lektorin rief mich an. Ehemalige Lektorin eines der größten deutschen Literaturverlage, und jetzt zuständig für die deutsche Belletristik in einer Literaturagentur: Sie habe da einen Text von mir im Schrank gefunden, und der sei wirklich ganz wunderbar. Ein kurzes Fragment nur, circa vierzig Seiten, aber ganz wunderbar … und ob wir uns treffen könnten? Wir trafen uns in einem Café. Das macht man so. Auch mit Lektorinnen. Undercover. Und wieder schwärmte die Lektorin von meinem Text, und wie toll ich doch schreiben könne … und warum sie denn vorher noch nie etwas von mir gehört habe? Oder gelesen? Und wie das denn sei mit diesem Text, mit diesen vierzig Seiten, ob das noch weiter geht? Ob das die Leseprobe eines fertigen Textes sei? Und dass sie den unbedingt lesen wolle.
Nachdem ich herausgefunden hatte, von welchem Text die Lektorin sprach, musste ich passen:
– Nein, das ist nur ein Fragment, nichts Fertiges, der Anfang einer Idee für einen Roman, die ich damals mit anderen Sachen an die Agentur geschickt hatte. Ich wunderte mich, dass die Lektorin dort nur dieses Fragment gefunden hat.

Das sei eine Adoleszenz-Geschichte, die sie darin sehe, sagte die Lektorin, und dass es ja in letzter Zeit Adoleszenz-Romane wie Sand am Meer gegeben habe … Tschick und so was. Und dass sich daher weitere Adoleszenz-Romane nur ganz schwer verkaufen ließen. So gut sie auch geschrieben sein mögen.
– … und Ihrer ist gut geschrieben, sehr gut geschrieben sogar. Aber was ich denn für ein Argument hätte für einen weiteren Adoleszenz-Roman?
– Dass er besser geschrieben ist als die meisten anderen. Dass er einen ganz anderen Stil hat als die meisten anderen. Und dass er zu einer ganz anderen Zeit spielt als die anderen. Die handelnden Personen sind völlig andere Typen … und überhaupt, was das denn für ein blödsinniges Argument sei: Nur weil ein literarisches Thema schon häufiger bearbeitet worden sei, dürfe es dazu keine neuen Romane mehr geben? Schließlich sind doch die Themen, die die Leser beschäftigen und berühren seit Beginn der Literatur immer dieselben gewesen: Lebensgeschichten, Geburt, Kindheit, Jugend, Arbeit, Tod … zwischenmenschliche Beziehungen … Liebe, Hass … Gefühle … Glück, Unglück, Hoffnung, Verzweiflung … Glaube, Zweifel … immer wieder diese Themen. Wenn man nicht mehr schreiben könnte über all diese Dinge, weil vorher schon massenhaft darüber geschrieben worden war, dann könnte man doch gar nichts mehr schreiben … das Ende der Literatur.
Das schien die Lektorin zu überzeugen.

Und ich hatte nebenbei gelernt dass man zu Coming-of-Age-Literatur offenbar auch Adoleszenz-Literatur sagen konnte. Was irgendwie seriöser klingt, literaturwissenschaftlicher, aber auch etwas staubiger und weniger hip. Noch einmal bestätigte mir die Lektorin, wie fabelhaft ich doch schreiben könne, was für ein unerkanntes Talent ich doch sei:
– Ja, schicken Sie mir mal alles, was sie haben.

Ich schickte ihr nicht alles, aber etwa tausend Seiten: Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Fragmente. Literarisches und Feuilletonistisches.
Dann hörte ich lange nichts mehr von der Lektorin. So lange nicht, dass ich in der Zwischenzeit, das Vierzig-Seiten-Fragment, das ihr so gut gefallen hatte, zu einem kompletten Roman erweitert hatte. Wobei ich gelegentlich auch an jene Literaturagentin von einst gedacht hatte, und ihre Mahnung, nicht zu knapp und knochig zu schreiben. Und so hatte ich mich getraut, den Roman an manchen Stellen in alle möglichen Richtungen wuchern zu lassen … bis es statt der geplanten zweihundert Seiten etwa doppelt so viele waren.
Das Skript schickte ich der Lektorin in die Agentur.

Es täte ihr leid, schrieb sie zurück, aber sie arbeite schon eine Weile nicht mehr für die Agentur, und könne daher auch bedauerlicherweise nichts mehr für mein Skript tun. Sie sei aber überzeugt, dass ich bei der Agentur mit meinen Sachen in guten Händen sei und dementsprechend bald einen guten Verlag dafür fände. Da sei sich ganz sicher.

Irgendwann schrieb mir die Chefagentin, dass ihre Agentur sich nun wieder fast ausschließlich um Übersetzungen und Lizenzen aus dem Ausland kümmere, sie sich nicht mehr mit neuer deutscher Belletristik befasse, und ich meine Manuskripte jederzeit in ihrem Büro abholen könnte. Sie sei sich aber sicher, dass ich bald einen Verlag für den Roman fände. Viel Glück.

Dann gab gab es einen Verleger. Der war auf Empfehlung eines anderen Verlegers auf einer meiner Lesungen aufgekreuzt. Anschließend schwärmte er: Ganz toll sei das alles, ganz wunderbar. Und ja, schreiben könne ich wirklich, da hätte der andere Verleger nicht übertrieben. Ganz wunderbar. Und dass wir unbedingt etwas zusammen machen müssten, ein Buch, natürlich ein Buch, ich und sein Verlag, ja, unbedingt. Und dass wir uns treffen sollten, so schnell wie möglich. Wann ich denn Zeit hätte? Jederzeit. – Dann gleich nächste Woche.
Wir verabredeten einen Termin. Der Verleger ließ ihn platzen. Wir machten einen neuen Termin. Das klappte auch nicht. Der Verleger entschuldigte sich. Wieder ein neuer Termin. Einen Tag vorher sagte der Verleger ab. Weitere Termine. Jetzt aber wirklich, sagte der Verleger. Einen Tag vorher sagte er ab. Es folgten noch unzählige Versuche. Aber immer war was.
– Du weißt ja, wie es ist … immer ist was.
Buchmesse. Krankheit. Unvorhergesehene Besprechung vor der Veröffentlichung einer Neuerscheinung. Termin mit dem Steuerberater. Können wir das noch mal verschieben? Wasserschaden in den Verlagsräumen.
Nach drei verflossenen Jahren immer noch kein Termin beim Verleger. Wenn ich ihn treffe auf Lesungen, Verlagsveranstaltungen, Buchpräsentationen fällt mir der Verleger um den Hals: Mensch, toll dich zu sehen, wir müssen uns jetzt unbedingt mal treffen. Wir wollen doch was zusammen machen. Was machst du denn?
– Ich hab einen neuen Roman fertig. Coming Of Age. Adoleszenzroman.
– Dann schick mir den doch mal.
– Hab ich schon gemacht.
– Oh, da ist nichts bei mir angekommen. Muss untergegangen sein. Schick ihn mir noch mal. Am besten heute noch. Dann les ich ihn sofort. Und wir treffen uns in den nächsten Wochen und reden drüber. Wir machen das. Unbedingt. Machst du das? Schick mir das Skript. Unbedingt. Vergiss es nicht. Versprochen?
Ich schickte ihm das Skript noch am selben Tag.
Auf Nachfrage im Verlag eine Woche später heißt es: Man könne mein Skript derzeit leider nicht lesen, weil gerade alle etablierten Autoren des Verlags auch neue Roman-Skripte eingereicht hätten, und die müsse man natürlich zuerst lesen. Und man sei jetzt mit Neuerscheinungen bis Herbst 2020 ausgebucht. Aber dann … sicher. Dann machen wir was zusammen. Ich möge doch bitte noch etwas Geduld haben. Okay.

Ein anderer Verleger schrieb mir. Ihm seien ein paar Probekapitel meines neusten Romans zugespielt worden, dessen Auszüge er sehr gern gelesen habe, der ihn fasziniere und den er gern ganz kennenlernen möchte. So drückte er sich aus: … der ihn fasziniere, und den er gerne ganz kennenlernen würde. Ich schickte das Skript. Und war mir so gut wie sicher, dass mein Roman im Frühjahr 2018 endlich erscheinen würde.
Die Antwort des Verlegers kam so schnell wie seine anfängliche Begeisterung:
– Leider kann ich mich nicht für Ihr Manuskript entscheiden: es ist zu lang und es hat keine Spannung. Vielleicht helfen kräftige Streichungen, vielleicht wollten Sie aber auch gerade die Ausführlichkeit. Tut mir leid.

Den nächsten Roman dann vielleicht doch wieder nur als Gerippe … ohne Fleisch? Doch die Zeit verrinnt … und mein Coming Of Age beginnt mir allmählich Sorgen zu machen …

H.P. Daniels, Berlin 20. Juni 2018

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